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19.06.2017

Arbeitsforum am 8.6.2017: „Engagement und Integration: Potenziale, Risiken und Nebenwirkungen“

Mehr denn je beschäftigen sich Freiwilligenagenturen mit der Schnittstelle von Engagement und Einwanderungsgesellschaft. Dabei werden sie von der Dynamik der Entwicklungen genauso auf Trab gehalten wie von der Vielfalt der Themen, die die Lebenssituation von Geflüchteten bestimmen und die viele Freiwillige bewegen. Umso wichtiger, aus dem Alltag der praktischen Arbeit aussteigen und reflektieren zu können: Was ist erreicht, was nicht? Was sind wichtige Handlungsfelder, was weniger? Eine solche Gelegenheit zum Zwischenstopp wollte am 8. Juni in Frankfurt/Main ein erstes bagfa-Arbeitsforum unter dem Titel „Engagement und Integration“ anbieten.

Welche Erwartungen, Potenziale, Kräfte, aber auch welche Grenzen und Überforderungen mit Engagement verbunden sind und sein können: Das zeigte eindrücklich eine Runde, in dem die Teilnehmenden ganz konkrete „Schlüsselmomente“ ihrer Arbeit vortrugen. Da wird etwa berichtet von Freiwilligen, die Geflüchteten die Miete zahlen, weil deren Anträge auf Hartz IV unbearbeitet bleiben. Von engagierten, aber jetzt verzweifelten Menschen, die unter der Abschiebung derjenigen leiden, um die sie sich seit Langem intensiv gekümmert haben. Von einer Freiwilligen, die durch ihr umfassendes Engagement ein persönliches Tief überwindet. Von Behörden, die sich „gefährlich“ daran gewöhnt hätten, dass Ehrenamtliche so viele Aufgaben übernehmen. Von ständig sich ändernden Bestimmungen. Von fehlenden Sprachkursen. Von Geflüchteten, die, enttäuscht über den Umstand, dass sie das Land verlassen sollen, die Arbeit der Freiwilligen als ungenügend empfinden, wobei sich in diesem Fall herausstellt, dass die Freiwilligen sich für zu viel verantwortlich fühlte und damit falsche Signale sandte. Und von einer geflüchteten jungen Frau aus Eritrea, die davon ausging, in Deutschland werde sich niemand um sie kümmern, und die nun auf die Frage, was sie hier am meisten schätzt, antwortet: „Die Freiheit.“

Die Komplexität der Aufgaben und der Bereiche, die eine Rolle spielen, bildet sich auch in den Formaten und Maßnahmen ab, mit der sich die Freiwilligenagenturen umfang- und ideenreich einbringen. Die Bandbreite ist beachtlich: So vermitteln Freiwilligenagenturen etwa Flüchtlingslotsen, Ankommenspaten, Engagement-Tandems und ehrenamtliche Sprachvermittler. Sie organisieren ein Repaircafé, eine Sachspendenvermittlung oder ein Gartenprojekt neben einer Gemeinschaftsunterkunft. Sie kreieren spezielle Angebote für geflüchtete Frauen (Frauenfrühstück) oder für junge Freiwillige in der Geflüchtetenhilfe (Sommercamp). Das alles zusätzlich zu den klassischen Kernaufgaben von Freiwilligenagenturen wie der Vermittlung, Qualifizierung, Begleitung und Koordinierung von Freiwilligentätigkeit, der Interessensvertretung und -vermittlung (zwischen Freiwilligen und Verwaltungen etwa) und der Netzwerkarbeit. Gerade Letzteres erweist sich als strukturell immens bedeutsam, da es die Kooperation vieler einleitet und ermöglicht.

Auffällig war der Umstand, dass bei der Arbeit für Geflüchtete neue Gruppen und ihre Bedarfe neu „entdeckt“ werden, ausländische Studierende beispielsweise, die oft auch noch kaum Kontakte zu Einheimischen haben. So kann dann das, was als Engagement für Geflüchtete begann, auch anderen zugutekommen. Etwa im Fall einer Gruppe, die viele Monate lang Geflüchteten beim Deutschlernen half – bis man im Ort auf Zuwanderer stieß, die schon viel länger im Land waren, aber noch kaum Deutsch sprachen. Inzwischen profitieren auch sie von der ehrenamtlichen Sprachförderung. In diesem Sinne könnte sich das Engagement für und mit Geflüchtete als eine Art sensibilisierendes Organ erweisen, das auf viele Baustellen der Einwanderungsgesellschaft aufmerksam macht.

Deutlich wurde insgesamt: Der Ansatz, dass Geflüchtete nicht nur Empfänger/innen, sondern genauso Geber/innen von Unterstützung sind, wird dabei bereits vielfältig gelebt. Und das nicht nur in beispielhaften Projekten wie „Teilhabe durch Engagement“, das die bagfa-Projektleiterin Annette Wallentin skizzierte. Wie erhofft, so zeigen die ersten Erfahrungen, bietet freiwilliges Engagement Geflüchteten einige Möglichkeiten der Teilhabe, die sich – der zentrale Vorteil – unabhängig von Fragen des Aufenthaltsstatus realisieren lassen. Um diese Möglichkeiten aber noch leichter und umfassender zugänglich zu machen, braucht es eine weitere (interkulturelle) Öffnung der gemeinnützigen Organisationen – und im Übrigen auch ein nachhaltiges Finanzierungsmodell für die entsprechende Arbeit; so lautete zumindest ein Fazit von Vanessa Kröger von der lagfa Bayern, die das Projekt „Miteinander leben – Ehrenamt verbindet“ vorstellte.

So oder so ist die praktische Arbeit durchzogen von vielen Hürden, Ungleichzeitigkeiten und Spannungsfeldern. Vieles verlangt einen kreativen Umgang und eine eigene dynamische Weiterentwicklung. Zum Beispiel:

  • Geflüchtete können enorm von ihrem eigenen freiwilligen Engagement profitieren, sind allerdings oft bereits durch Sprachkurse, Job- und Wohnungssuche in ihren Möglichkeiten begrenzt.
  • Alle Akteure haben angesichts der Vielfalt der Aufgaben und Prozesse wenig Zeit – und müssen aber genau hinschauen, um Sinnvolles zu leisten.
  • Viele Prozesse der Integration beginnen erst jetzt, doch gleichzeitig lässt das Engagementinteresse vieler Bürger/innen nach.
  • Das gegenseitige Verständnis von Freiwilligen und Behörden wäre für eine gute Kooperation im Sinne der Geflüchteten jetzt enorm wertvoll, befindet sich aber oft erst in der Entwicklung.
  • Engagement-Formate haben für einen Teil der Geflüchteten ihren praktischen Nutzen, müssen aber für einen anderen Teil, je nach Phase der Integration, angepasst werden.

Auch auf übergeordneter Ebene finden sich spannungsreiche Entwicklungen. So arbeitet die Zivilgesellschaft, im Übrigen auch im Auftrag staatlicher Einheiten, an Integration – während andere staatliche Akteure und Behörden bestimmte Geflüchteten-Gruppen abschieben oder segregieren. Hier stellt sich auch die Frage: Welche Leitorientierung, wenn nicht Integration, hat die Zivilgesellschaft in der Begleitung von Ausgeschlossenen? Braucht es dafür eine andere Begründung? Andere angesprochene Aspekte waren: Welche (fließenden) Übergänge gibt es zwischen freiwilligem und politischem Engagement für Geflüchtete? Wie lässt sich die Beteiligung von Geflüchteten realisieren, auch wenn viele Voraussetzungen dafür fehlen?

Es wird schon von vielen sehr viel gelernt – und es werden auf allen Seiten weiterhin viele Lernprozesse erforderlich sein. Auch war am Ende klar: Angesichts der knappen Zeit einer Tagesveranstaltung konnten viele relevante Aspekte nur angedeutet, aber nicht ausreichend vertieft werden. Deshalb war dieses Arbeitsforum auch nur der Auftakt für weitere Treffen, die im kommenden und im übernächsten Jahr stattfinden.

Wer Lust hat, das nächste Forum mit „vorzudenken“, ist herzlich willkommen. Bitte bei Birgit Weber melden, birgit.weber@remove-this.bagfa.de.

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