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08.03.2017

Thementag: „One fits all – Freiwilligenmanagement (ein allgemeingültiges Modell) im Wandel?!“

Die theoretische und praktische Bestandsaufnahme des Freiwilligenmanagements stand im Zentrum des Thementags am 23. Februar in Frankfurt am Main. Eingeladen hatte die bagfa in Kooperation mit der LandesEhrenamtsagentur Hessen (LEAH) und der Initiative Bürgerstiftungen (IBS).

Vor dem Hintergrund der großen Engagementbereitschaft und der Gründung vieler Initiativen im Bereich „Flüchtlingshilfe“ im Jahr 2015, wurden die bisherigen Erfahrungen aus 20 Jahren Freiwilligenmanagement gespiegelt und mit den über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutiert. Folgende Überlegungen und Fragestellungen standen im Mittelpunkt des Interesses: Ist Freiwilligenmanagement ein allgemeingültiges Erfolgsmodell? Oder braucht es auch hier ein ständiges prozesshaftes Überprüfen der Ziele und Visionen? Welche Rolle spielt das Instrument im weiten Sinne bei der Förderung des bürgerschaftliches Engagements und im engeren Sinne als Personalentwicklungsinstrument für „Freiwillige“ in Organisationen? Und was bedeutet das Instrument „Freiwilligenmanagement“ für die vielen selbstorganisierten Initiativen überhaupt?

Den ersten Impuls zu Beginn des Thementags gab Frau Dr. Christiane Metzner vom Amt für kirchliche Dienste in der EKBO. Sie machte deutlich, wie viel betriebswirtschaftliche Perspektive im Freiwilligenmanagement steckt, das den Freiwilligen zunächst als Ressource sieht. Jemand der gemanagt wird, verhält sich passiv, der Manager/die Managerin hingegen aktiv. Frau Metzner zeigte auf, wie „Inwertsetzungsmechanismen“ in diesen Zusammenhängen entstehen: So werden z.B. Zielvereinbarungen mit den Freiwilligen getroffen oder das Engagement tritt in Konkurrenz zu anderen „Lebenslaufereignissen“. Für Organisationen ist es hilfreich, diese Mechanismen immer wieder in der praktischen Anwendung von Freiwilligenmanagement zu reflektieren und weniger auf Quantität als vielmehr auf Qualität zu setzen. Es ist nicht immer zielführend, möglichst viele Freiwillige zu gewinnen, sondern die besondere Qualität des freiwilligen Engagements in den Vordergrund zu rücken, die Freiwillige mit ihren Interessen und ihrem Gestaltungswillen einbringen.

Was ist also der Auftrag der/des Freiwilligenmanagers/in in den jeweiligen Strukturen? Frau Metzner plädierte dafür, die soziale Betrachtung in den Vordergrund zu rücken und die Freiwilligenmanager/innen als „Anwälte“ der Freiwilligen in den Blick zu nehmen. Insbesondere Freiwilligenagenturen könnten die Rolle der Freiwilligenmanager/innen stärken – deren Unabhängigkeit ebenso wie die Gemeinschaft der Engagierten fördern oder einen Leitbildprozess anstoßen.

Tobias Meyer vom Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft der Evangelischen Hochschule Darmstadt stellte anschließend auf Grundlage einer Studie zu Freiwilligenmanagement in Jugendorganisationen die Unterschiedlichkeit von Organisationen dar und zeigte, wie Freiwilligenmanagement und Organisationsziele zusammenspielen. Mit dem Ergebnis, dass es nicht ein Konzept von Freiwilligenmanagement geben kann, weil Organisationen nach verschiedenen Ziel- und Steuerungslogiken agieren. Sie folgen unterschiedlichen Ziellogiken. Das heißt, die verfolgten Ziele lassen sich unter Aufgaben, Themen oder Werten subsummieren. Beispielsweise haben Kirchengemeinden als Ziel ihrer Organisation, den gemeinsamen Glauben als Wert zu stärken, während die Freiwillige Jugendfeuerwehr ein aufgabenbezogenes Ziel hat: Brände zu löschen oder Erste-Hilfe zu leisten. Als zweite Logik folgen Organisationen der Steuerung durch Personen, Struktur oder Kultur. Eine Theatergruppe, die von einer Person geleitet wird, folgt z.B. stark der Steuerungslogik, während zum Beispiel die Greenpeace-Jugend durch gemeinsame Zusammenkünfte und kulturell durch gemeinsame Werte, Diskussion und Austausch geprägt ist. Diese Logiken gilt es zu identifizieren, da dementsprechend auch Vernetzungs-, Qualifizierungs- und Anerkennungsangebote für Freiwillige unterschiedlich sind.

Im Plenum spiegelten Teilnehmende zunächst ihre Beobachtungen. So werde Freiwilligenmanagement im Alltag als Begriff kaum verwendet, weil Freiwillige die „Verbetriebswirtschaftlichung“, die im Begriff mitklingt, durchaus (heraus)hören würden.

Die Diskussion der beiden Impulse griff auch die Frage nach der Einordnung von Freiwilligenmanagement auf: Richtig gedacht und umgesetzt sollte es ein Instrument zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement und eine Strukturierungshilfe für die Rolle von Freiwilligen in Organisationen sein.

Von der Theorie zur Praxis:

Praktische Einblicke gab es am Nachmittag von Ulla Eberhard von der Kölner Freiwilligen Agentur e.V. zu „Freiwilligenmanagement und Wandel in der Ausbildung“. Sarah G. Hoffmann von der beratergruppe ehrenamt brachte ihre Erlebnisse zu „Freiwilligenmanagement und spontanes informelles Engagement“ ein, Dr. Marie-Luise Stoll-Steffan (Wiesbaden Stiftung) und Anna-Marita Leibbrand (Freiwilligenzentrum Wiesbaden e.V.) berichteten zu „Freiwilligenmanagement in der Praxis von Bürgerstiftungen und Freiwilligenagenturen“.

Ulla Eberhard skizzierte beispielhaft drei Ebenen, in der sie selbst bzw. die Kölner Freiwilligenagentur e.V. im Bereich „Ausbildung“ aktiv ist. Das Forum Willkommenskultur, den Zertifikatskurs Freiwilligenmanagement und eine Lehrveranstaltung „Neue Freiwilligenarbeit“ an der Universität Düsseldorf. Im Forum Willkommenskultur unterstützt die Freiwilligenagentur Initiativen, indem sie den Austausch organisiert, Prozesse moderiert und gleichzeitig Brücke zur Ebene der Politik und Verwaltung ist. Interessant sind besonders die neueren Entwicklungen bei den Fortbildungen zum Freiwilligenmanagement. Hier sind neue Themen dazugekommen, wie beispielsweise die Vorstandsentwicklung, die selbstbestimmte Motivation oder das Freiwilligenmanagement ohne hauptamtliche Koordination. Im Austausch mit Ulla Eberhard diskutierten die Teilnehmenden, in welchen Zusammenhängen Freiwilligenmanagement tatsächlich hilfreich ist und welche Rolle andere Akteure im Feld (z.B. städtische Koordinatoren) im Gegensatz zu Freiwilligenmanager/innen haben. Auch für selbstorganisiertes Engagement greift Freiwilligenmanagement nicht unbedingt, weil beispielsweise „community organizing“ hier bessere Lösungen bietet. Ziel ist es, nicht überall Freiwilligenmanagement zu etablieren, sondern vielmehr dort, wo es wirklich hilfreich ist – z.B. als ein Instrument zur Vorstandsentwicklung in Vereinen.

Parallel zu den bewährten Organisationen und Strukturen des Engagements ist 2015 eine spontan organisierte Willkommens- und Ankommensstruktur für Geflüchtete entstanden. Viele dieser spontan Engagierten haben ihre eigene Struktur aufgebaut. Eventuell entwickeln die Initiativen gar selbst neue, vielleicht besser geeignete Verfahrensweisen und es entsteht gerade ein neuer Typus des Ehrenamts. Diese Fragestellung diskutiere Sarah G. Hoffmann in ihrem Dialogforum. Der Austausch zeigte, dass es für Freiwilligenagenturen Möglichkeiten gibt, Verbindungen zu knüpfen, indem sie möglichst offen agieren, Räume zur Verfügung stellen (Die FWA als „Co-Working-Space“) oder andere Ressourcen teilen, ohne unbedingt inhaltlich mitzugestalten.

Dr. Marie-Luise Stoll-Steffan und Anna-Marita Leibbrand zeigten, wie Freiwilligenmanagement in ihrer interinstitutionellen Arbeit funktioniert und in welchen Netzwerken die Bürgerstiftung und die Freiwilligenagentur arbeiten. Im Dialogforum wurde deutlich, wie fruchtbar die Zusammenarbeit (in diesem Fall von Bürgerstiftung und Freiwilligenagentur) sein kann. Passend dazu hat das Freiwilligenzentrum Wiesbaden einen Leitfaden „Gestaltung einer gelungenen Zusammenarbeit ehrenamtlich Engagierter in Einrichtungen, Vereinen und Initiativen“ herausgebracht.

Neben dem regen Erfahrungsaustausch, wurde die Vielfalt im Feld der Organisationen selbst und innerhalb des Instruments „Freiwilligenmanagement“ deutlich. Freiwilligenmanagement kann nur bestimmte Aufgaben und Funktionen erfüllen, gleichzeitig braucht es ein gemeinsames Weiterentwickeln – gerade auch im Dialog mit Akteuren, die weniger institutionalisiert arbeiten.

Dateien:
2017_Vortrag_Metzner_TT_Freiwillligenmanagament.pdf
2017_Vortrag_Meyer_TT_Freiwilligenmangagement.pdf
2017_Vorstellung_Eberhard_TT_Freiwilligenmanagement.pdf
2017_Vorstellung_Hoffmann_TT_Freiwillligenmangagemnt.pdf
2017_FWZ_Buergerstiftung_Wiesbaden_TT-Freiwilligenmanagement.pdf
2017_FWZ_Wiesbaden_Leitfaden_Zusammenarbeit.pdf
2017_Fotoprotokoll_Dialogforum_Hoffmann_TT_FWM.pdf

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