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29.11.2017

Arbeitsforum: Engagement und Digitalisierung: Sind wir da schon drin oder was?

Digitalisierung heißt auch Veränderung

Die fortlaufende Digitalisierung wirkt sich auch immer mehr auf das Engagement aus: Neue Informations- und Kommunikationstechnologien können organisatorische Aufgaben erleichtern. Es gibt mehr und andere Möglichkeiten, auf verschiedenen Kanälen mit unterschiedlichen Zielgruppen zu kommunizieren und Netzwerke neu und digital zu gestalten – und es gibt neue Engagementformen zu entdecken, die von Online-Beratung über die Entwicklung von Apps und Tools bis hin zu Beteiligungsformaten reichen.

Im bagfa-Arbeitsforum am 16. Oktober 2017 in Hannover diskutierten rund 20 Vertreterinnen und Vertreter aus Freiwilligenagenturen die großen Fragen der Veränderung des Miteinanders und der Arbeitsgestaltung durch die Digitalisierung, aber auch ganz praktische Fragen für die Arbeit der Freiwilligenagenturen: Wo bleibt die persönliche Beratung, das menschliche, gemeinschaftliche Wirken? Welche gesellschaftlichen Veränderungen werden mit der Digitalisierung verknüpft? Welchen Einfluss haben diese auf unser Konzept des bürgerschaftlichen Engagements bezogen auf die Kommunikation, das gemeinschaftliche Handeln und die Solidarität? 

Unter dem Titel „Chancen, Risiken und Nebenwirkungen: Was Digitalisierung für das Engagement und seine Organisationen bedeuten kann?“ startete das Arbeitsforum mit drei Inputs zu verschiedene Dimensionen der Digitalisierung: Vernetzung, Kommunikation und Inklusion.

Eico Schweins, Berater für Online-Marketing und Online-Fundraising machte in seinem Beitrag „Engagement im digitalen Wandel – Kommunikation“ darauf aufmerksam, dass sich durch digitale Technologien die Gewohnheiten von Menschen verändern – sowohl ihre Kommunikationswege als auch, worauf sie ihre Aufmerksamkeit lenken. Die Bedürfnisse hätten sich dahingehend geändert, auch digital miteinander zu interagieren, sich sozial einzubringen und nach Sinn zu streben.

Kommunikation habe sich dahingehend  fundamental verändert, dass Informationen heute zeit- und ortsunabhängig seien, die Menge an Informationen zunehme und Informationen  immer besser und leichter auffindbar würden. Auch werde die Online-Kommunikation immer dialogischer durch die Möglichkeit von Nutzer-Feedback. Durch die Vielzahl der Kanäle werde Kommunikation aber auch fragmentierter. Kommunikation über das Internet sei dabei zunehmend analysierbar: Kommunikationswege der Nutzer/innen ließen sich nachvollziehen, daraus ergäben sich aber auch gezielte Ansprachemöglichkeiten.

Risiken der digitalen Kommunikation für Vereine seien insbesondere, dass etablierte und immer noch häufig verwendete Kommunikationskanäle weniger Menschen erreichen und nur bestimmte Zielgruppen ansprechen würden – es drohe Kommunikation mit hohem Aufwand aber ohne Effekt.

Chancen sah Eico Schweins vor allem darin, dass eine „Grundsichtbarkeit“ auch für kleine Organisationen durch digitale Kommunikationsmittel einfacher herzustellen sei, Zielgruppen gezielter erreicht und angesprochen werden könnten und so die Effektivität von erfolgreicher Kommunikation steige.

Henrik Flor, Leiter Redaktion und Konzeption der Stiftung Bürgermut, wies in seinem Beitrag „Vernetzung digital“ darauf hin, dass es mehr denn je notwendig sei, seine Zielgruppe bei der Konzeption von neuen Dienstleistungen und Kommunikationswegen genau zu kennen und ihre Vorlieben zu bedenken. Er riet davon ab, teure Eigenentwicklungen – wie Online-Foren – anzustreben. Man solle lieber auf digitale Plattformen und Tools setzen, die Menschen auch sonst im Alltag verwenden würden. Auch warnte er davor, digitale Instrumente als „Allheilmittel“ der Vernetzung zu sehen. Man solle nur das digital abwickeln, was auch digital besser funktioniere und den sozialen Aspekt der „wirklichen“ Begegnung nicht außer Acht lassen. Generell sei es wichtig, seine Ressourcen realistisch einzuschätzen und nicht auf allen Plattformen „halb-aktiv“ zu sein, nur um überhaupt dabei zu sein.

Inwiefern Digitalisierung und Inklusion miteinander in Verbindung gebracht werden können, war dann das Thema von Henning Baden, der bei der bagfa für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Die Verlagerung von gesellschaftlichen Systemen in digitale Medien schaffe einen neuen „gesellschaftlichen Raum“, der genau wie Räume außerhalb des Internets aber meist nicht frei von Teilhabebarrieren seien. Dies beginne schon beim Zugang: Mit 23,5 Prozent seien allerdings aktuell immer noch rund 16,5 Millionen Bundesbürger nicht Teil der digitalen Welt. Die relevantesten Faktoren der von diesem Raum ausgeschlossenen Personen seien das Alter und der Bildungsgrad.

Smartphones und Tablets könnten im Zusammenspiel mit Apps den Alltag erleichtern, Mobilität verbessern und mehr Selbstbestimmung in der Lebensführung ermöglichen. Digitale Medien würden zudem die aktive Gestaltung medialer Gegenentwürfe zu gängigen Behinderungsbildern, die Vertretung eigener Anliegen und die Beteiligung am Abbau von Barrieren ermöglichen.

Herausforderungen sah Henning Baden besonders darin, dass digitale Medien eben nicht per se barrierefrei sind. Was eine Barriere darstelle, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Menschen mit Behinderung engagierten sich schon digital. Als Expert/innen in eigener Sache liege ein Engagement für Inklusion oft nahe. Es müssten aber auch Angebote geschaffen werden, die es ermöglichen, sich für vielfältige Belange einzusetzen – digital wie analog. Um nicht in die Falle zu tappen, die Begegnung von Menschen als wesentlichen Faktor von Inklusion zu vergessen, brauche auch digitales Engagement die Verbindung in die analoge Welt. 

Ralf Baumgarth vom PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg, Leiter der FreiwilligenAgentur Heidelberg berichtete vom praktischen Bezügen der Freiwilligenagentur zu digitalen Angeboten. Er stelle dabei zunächst fest, dass es häufig zu wenig Wissen um die Chancen der Digitalisierung im gemeinnützigen Bereich gebe. Dies gelte es zu ändern. Die FreiwilligenAgentur Heidelberg sei durch die Bewerbung der Stadt Heidelberg zur "Digitalen Stadt" mit dem Thema konfrontiert worden und habe für sich geprüft, was der Beitrag des Engagementsektors sein könnte. Über das FSJ-Digital, Wissensweitergabe von Tools z.B. zum Fundraising und zur Mitgliederverwaltung an Vereine, Webinare und erste Ideen zum Online-Volunteering seien in Heidelberg viele Bezüge hergestellt worden. Auch die Inklusiondimension der Digitalisierung sei an einem Fachtag mit Vereinen und freiwillig Engagierten behandelt worden.

Das Arbeitsforum Digitalisierung wird in 2018 und 2019 fortgeführt. Die Teilnehmenden der Auftaktveranstaltung arbeiteten in der Schlussdiskussion aus den Impulsen des Tages wesentliche Programmpunkte für Freiwilligenagenturen heraus, die als Leitschnur der nächsten Foren dienen sollen:

  • neue Zielgruppen erreichen durch digitale Tools
  • Online-Volunteering
  • Digitale Tools zur Arbeitsorganisation
  • Engagementberatung digital
  • Kennenlernen von „digitalen“ Organisationen
  • Agenda-Setting „Digitale Freiwilligenagentur“

Hintergrund: Einfach nur zurücklehnen ist bei keinem bagfa-Format angesagt – bei den Arbeitsforen aber ist der Name erst Recht Programm. Das Besondere an diesem Format? Eine überschaubare Anzahl von Freiwilligenagenturen (in der Regel 10-20) arbeitet gemeinsam und intensiv an einem Thema. Impulse außerhalb der Szene der Freiwilligenagenturen bringen neue Gedanken in die Debatte, der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen unterstützt bei der eigenen Arbeit vor Ort.

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