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20.10.2017

Thementag: Erfüllungsgehilfin oder selbstbestimmte, eigenwillige Ressource? Bürgerschaftliches Engagement im Demografischen Wandel

In den kommenden Jahren wird der demografische Wandel die Bevölkerungsstruktur in Deutschland verändern: Der Anteil der älteren Menschen wird zunehmen und damit auch die Sozial- und vor allem Pflegepolitik herausfordern. Auch die Struktur der Regionen wird sich wandeln – in einigen Regionen wird die Bevölkerung abnehmen, in anderen Regionen stark ansteigen. Das wird gerade in den schrumpfenden Regionen Auswirkungen auf die Daseinsvorsorge haben: Was kann der Staat noch zur Verfügung stellen, wo kann das Engagement wirken und welche Rahmenbedingungen braucht es dann? Diese Fragestellungen waren zentral beim Thementag „Erfüllungsgehilfin oder selbstbestimmte, eigenwillige Ressource? Bürgerschaftliches Engagement im demografischen Wandel“ am 27. September in Würzburg. Der Thementag wurde in Kooperation mit der lagfa Bayern e.V. und dem Landratsamt Würzburg durchgeführt.

Nach einem Grußwort durch die Gastgeberin, der stellvertretenden Landrätin Christine Haupt-Kreuzer, diskutierten die rund 40 Teilnehmer/innen zunächst in kleinen Arbeitsgruppen, von welchem Engagementverständnis sie in der Praxis ausgehen, mit welchen Herausforderungen sie im Alltag konfrontiert werden und wie sie mit ihren Angeboten vor Ort den demografischen Wandel mitgestalten.

Dabei wurde unter anderen herausgearbeitet, dass Engagement auch Beteiligung und Teilhabe, Eigensinn und Selbstbestimmung bedeutet. Selbstverständlich sollte es freiwillig und gemeinwohlorientiert sein. Es sollte eine klare Trennung von Hauptamt und Ehrenamt mit gegenseitiger Wertschätzung geben. Hinsichtlich Monetarisierung sei es wichtig, die Gefahr für den Eigensinn des Engagements immer wieder zu thematisieren und in der Praxis transparente Regelungen zur Kostenerstattung zu schaffen.

In vielfältigen Projektbezügen beschäftigen sich die Freiwilligenagenturen bereits mit dem demografischen Wandel, zum Beispiel in dem in der Mittagspause vorgestellten Projekt der „Nachbarschaftshilfe des Landkreises Regensburg“.

Nach der Mittagspause stellte Prof. Dr. Adelbert Evers, ausgehend vom 2. Engagementbericht der Bundesregierung, die konzeptionellen Überlegungen zur Vielfalt des Engagements vor: Das Feld des Engagements wird dabei mithilfe von Eckpunkten analytisch erfasst. Der Bericht benutzt Kategorien wie Kooperationsformen (organisiert versus informell) und politische/soziale/kulturelle Ziele (wie Geselligkeit, Bereitstellung sozialer Angebote, Organisation von Anwaltschaft etc.). Daraus leitete Evers  Schlussfolgerungen für die Alltagspraxis von Freiwilligenagenturen ab. Er empfahl unter anderen, sich neben den sozialpolitischen Themen auch dem Kulturbereich, der Nachhaltigkeitsszene und Umweltbewegung zu öffnen. Außerdem wäre es wichtig, den Spagat zwischen Bürgerbeteiligung und Engagement zu überwinden und sich nicht nur in der Verwaltung sondern auch in den politischen Parteien Gehör zu verschaffen.

Prof. Dr. Martina Wegner, die ebenfalls als Sachverständige an dem Engagementbericht mitwirkte, stellte Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Demografie-Werkstatt Kommunen“ vor. Dabei wurde klar, dass die ressortübergreifende Zusammenarbeit eine Herausforderung für kommunale Verwaltungen darstellt, da Mechanismen und Zuständigkeiten erst geklärt und Vertrauen sich teilweise erst bilden muss. Deshalb kann es für die Entwicklung interner Steuerungsprozesse und eines strategischen Vorgehens besonders förderlich sein, auf eine externe Begleitung und Moderation zurückzugreifen. Für die Steuerung und Koordination des demografischen Prozesses werden allerdings (Personal-) Ressourcen benötigt. Für die Freiwilligenagenturen wäre es wichtig, den demografischen Wandel vor allem auch als sozialen Wandel zu begreifen und auch als Akteur die Identitätsentwicklung der Kommunen zu unterstützen.

In der Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass Engagement wesentlich zur kulturellen Identität beiträgt. So könnten sich auch die Freiwilligenagenturen mit ihren Engagementerfahrungen stärker als bisher in die (politischen) Diskurse der Stadtgesellschaft – nicht nur zum demografischen Wandel – einmischen.

Hier finden Sie die Vorträge des Thementages:

Dateien:
2017_Vortrag_Evers_Thementag_Demografischer_Wandel.pdf
2017_Vortrag_Wegner_Thementag_Demografischer_Wandel.pdf

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