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23.04.2018

Veranstaltungsrückblick: Arbeitsforum Engagement und Integration - Potenziale, Risiken und Nebenwirkungen

Auch wenn sie öffentlich immer weniger sichtbar sind: Nach wie vor sind Hunderttausende Freiwillige dabei, geflüchteten Menschen das Ankommen zu erleichtern. Doch wie hat sich dieser Einsatz für mehr Teilhabe und Integration entwickelt, was ist daraus zu lernen, nicht zuletzt für Freiwilligenagenturen als bedeutsame Infrastruktur für bürgerschaftliches Engagement? Diesen Fragen ging das zweite Arbeitsforum "Engagement und Integration" nach, zu der die bagfa am 16. April 2018 nach Frankfurt/Main eingeladen hatte.

Um sich gemeinsam ein möglichst vollständiges Bild der Lage zu machen, sammelten die Teilnehmenden zunächst alle Tätigkeiten und Rollen, in denen sich Menschen für Integration einbringen. Das breite Spektrum, das sich so darstellte, war beeindruckend: Es reicht von Alphabetisierungs- und anderen Sprachangeboten über Nähkreise und Frauentreffs über Schwimmkurse bis zur Mieterqualifizierung und dem Anschluss der Waschmaschine.

Auffällig dabei: Viel Platz beanspruchen instrumentelle Hilfen, während die individuelle menschliche Zuwendung und Begleitung seltener benannt wird, da auch für selbstverständlich gehalten. Allen ist klar: Zuzuhören oder, wie es jemand nannte, einen "Kummerkasten" zu bieten, ist enorm bedeutsam. Nicht jede Form der Unterstützung erschien den Engagementexpert/innen sinnvoll: Geld zu leihen etwa, wie in einem geschilderten Einzelfall, gilt als heikel, und sich in die Rolle von Erziehenden zu begeben als unangemessen oder gar kontraproduktiv. "Die Deutschen erziehen gerne", fasste ein Aktiver aus einem Helferkreis zugespitzt zusammen. Angesichts von Hilfe, die übergriffig wird, betonten auch andere: Es ist notwendig, Geflüchtete zu ermutigen, Dinge auch allein zu regeln. Statt Abhängigkeiten entstehen zu lassen, gelte es, immer auch das Ende der Unterstützung mit zu bedenken und nicht zuletzt die eigenen Grenzen. "Empowerment statt Paternalismus" schrieb eine Ehrenamtskoordinatorin. Eine Rolle von Freiwilligen, die dies fördert, sei im Übrigen: sich bei Geflüchteten auch als Gast verhalten können, also gleichermaßen als Gebender und Nehmender.  

Gefragt wurde, was das Einzigartige an dem Engagement ist: Was können so nur Freiwillige einbringen, nicht ersetzbar etwa durch professionelle Anbieter? An erster Stelle wurden hier die umfangreichen zeitlichen Ressourcen erwähnt, als Voraussetzung für eine individuelle menschliche Begegnung. Zudem erfahren Geflüchtete Vertrauen und Solidarität, Freiwillige erheben die Stimme für sie. Und außerdem könnten Freiwillige, zum Vorteil der Geflüchteten, auch mal Grenzen von Regelungen überschreiten, an die Professionelle sonst gebunden sind.

Alle Teilnehmenden berichteten übereinstimmend: Der Entwicklung der politischen Großwetterlage entsprechend, scheinen sich auch die Stimmungen der Engagierten zu polarisieren. "Gibt es nicht auch etwas anderes als Integration von Flüchtlingen?", wurde die Stimme einer Bürgerin zitiert. Dem teilweisen Überdruss steht eine wachsende Gereiztheit gegenüber. Zumindest berichtete eine Leiterin einer kommunalen Freiwilligenagentur: "Als Hauptamtliche werde ich manchmal als der verlängerte Arm des Staates angesprochen."

Das Interesse am Engagement für Geflüchtete lasse in jedem Fall nach. Ein Grund: die Entwicklung der Medienberichte über Engagement und Geflüchtete. War die Omnipräsenz, die das Thema in der ersten Zeit der starken Fluchtbewegungen nach Deutschland hatte, der entscheidende Impuls, der Menschen mobilisierte, ist die jetzt deutlich geringere Berichterstattung ein zentraler Faktor, dass das Engagement zurückgeht oder sich normalisiert.

"Auch das konkrete Engagementbild, mit dem die Menschen kommen, ist sehr stark geprägt davon, wie Medien berichten", sagte eine Teilnehmerin. Wenn Medien so die Nachfrage beeinflussen - inwieweit müssen, inwieweit dürfen Freiwilligenagenturen ihr Angebot danach ausrichten? In der Debatte wurde deutlich: Hier ist ein konstruktiver, aufgeschlossener Umgang gefragt, der allerdings auch klare Grenzen kennt. Ein beispielhafter Fall: Ein Engagementinteressierter möchte sich gerne um ein syrisches Kind kümmern, lehnt aber den Vorschlag ab, ob es nicht auch ein Junge etwa aus Rumänien sein könne, schließlich sind die wenigen syrischen Kinder bereits versorgt. Letztlich eine Form der Diskriminierung, so der Tenor, die ohne eine Diskussion darüber nicht einfach unterstützt werden dürfe.

Insgesamt lautete die Bilanz: Freiwilligenagenturen hatten und haben eine tragende Rolle in der Geflüchtetenhilfe. Aber das Ausmaß und die Formen, mit denen sie zu den vielfältigen Aufgaben der Integration beitragen, variiert. Viele Faktoren bestimmen dies - lokale Bedingungen wie der Zahl der Geflüchteten am Ort ebenso wie die Struktur der kommunalen und zivilgesellschaftlichen Akteure und deren Zusammenarbeit.

Gewandelt hat sich alles auch in dem Maße, wie sich die Bedarfe verändern. Einerseits die Bedarfe der Geflüchteten, wo sich zunächst alles um die Sicherstellung ihrer Grundbedürfnisse drehte, jetzt zunehmend um die Unterstützung in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Und andererseits die Bedarfe der Freiwilligen, die, vor zwei Jahren noch in großer Zahl geschult und vermittelt, inzwischen zuweilen überfordert und oft ermüdet sind und begleitet bzw. neu gewonnen werden wollen. Umrahmt sind diese Veränderungen von nicht immer passenden Förderstrukturen: Gab es ab dem Jahr 2015 viele Fördertöpfe, werden die Mittel inzwischen gekürzt - obwohl viele Prozesse der Integration erst am Anfang stehen. Wobei sich viele der Teilnehmenden inzwischen mehr am Leitbild Inklusion und Diversity orientieren bzw. an der Frage: Wie können wir - angesichts ganz unterschiedlicher Gruppen - Vielfalt konstruktiv gestalten?

Beteiligt an Integration von Geflüchteten sind Freiwilligenagenturen allein schon deshalb, weil sie diese Gruppe zunehmend als Freiwillige gewinnen und vermitteln. Viele der Geflüchteten, so berichtete ein Freiwilliger aus einem Helferkreis in Bayern, wüssten allerdings selbst noch nicht, wo sie in Zukunft leben wollen - im mal mehr, mal weniger Perspektive bietenden Aufnahmeland oder in der vielleicht doch befriedeten Heimat. Noch hätten viele Geflüchtete, die er kennt, keine eindeutige Haltung dazu. "Aber auch wenn die Zukunft unklar ist", so der Freiwillige, "können wir trotzdem gute Gastgeber sein."

Und was wird im Jahr 2050 sein? Darüber nachzudenken, wie das bagfa-Team vorschlug, kann lohnen. "Erst war ich erstaunt über diese Anregung", meldete eine Teilnehmerin zurück, "aber ich sehe, es ist wichtig, denn es entstehen dabei neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten."

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