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26.06.2018

Vorhang auf! Ein Rückblick auf einen Sommer-Thementag rund um das Engagement in Kunst und Kultur

Viele Menschen interessieren sich für Kunst und Kultur. Der regelmäßige Chorauftritt, der Theaterbesuch, Lesungen in der Stadtteilbibliothek oder Ausstellungen sind wichtige Elemente ihres Lebens. Allerdings geraten diese Orte oder Organisationen als Engagementfelder seltener in den Blick. Und auch in Freiwilligenagenturen spielen Tätigkeitsfelder im kulturellen Bereich nicht die erste Geige. Mit dieser Ausgangsthese startetet die bagfa mit rund 40 Teilnehmenden in den Thementag „Vorhang auf!“ in der idyllischen Atmosphäre des hessischen Schlosses Buchenau in der Nähe von Bad Hersfeld.

Der bagfa-Thementag griff unterschiedliche Aspekte kulturellen Engagements auf und beleuchtete das Potential verschiedener Akteure, Tätigkeitsfelder mitzugestalten. Er bot so Raum für Diskussionen, wo sich Engagement, Kunst und Kultur begegnen und befördern können.

Dr. Thomas Röbke, Geschäftsführer des Landesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement in Bayern und Vorsitzender des Sprecher/innenrates des BBE, verknüpfte in seinem Eingangsvortrag seine eigenen biografischen Erfahrungen mit der Soziokultur in Nürnberg mit grundsätzlichen Überlegungen zu Kunst, Kultur(en) und mit dem bürgerschaftlichen Engagement.

Dabei betonte er vor allem den Wert einer gesellschaftlich offenen „Kultur für alle“, wie sie der frühere Kulturdezernent Frankfurts, Hilmar Hoffmann, bezeichnete bzw. das „Bürgerrecht Kultur“, wie sein Nürnberger Pendant Hermann Glaser, reklamierte. Mit diesen Ansprüchen wurden auch seit den 70er Jahren neue Orte von Kunst und Kultur eröffnet: Der nicht mehr rentable Tante-Emma-Laden, der zum Kulturtreff im Quartier umfunktioniert wurde, die leerstehende unter Denkmalschutz stehende Scheune, die von freien Theatergruppen okkupiert wurde, vergessene Brachen der Stadt, die zu künstlerischen Aktionen einluden.

Nach Röbke wird Soziokultur in einem Dreieck von Politik, Kultur und Demokratie begründet. Ein vierter Eckpunkt komme selbstverständlich hinzu: Die Bildung, denn Demokratie und Kultur seien nicht in die Wiege gelegt, sondern ihre Spielregeln müssten erlernt, ihre Werte verinnerlicht werden. Kultur dürfe auch nicht auf die oberen Zehntausend beschränkt bleiben, jeder Mensch müsse die Möglichkeit zur Teilhabe und Mitgestaltung haben. Daher poche die Soziokultur auch auf Chancengerechtigkeit. Damit sei der soziale Aspekt der fünfte Eckpunkt des soziokulturellen Programms.

Was sind aber nun die Konvergenzen, was sind die Divergenzen zwischen Kulturarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement? Thomas Röbke fand in seinen Ausführungen drei Gemeinsamkeiten und einen gewichtigen Unterschied:

Zu den Gemeinsamkeiten:

  • Kultur und Bürgerschaftliches Engagement seien wichtige gesellschaftliche Resonanzräume. Das meine auch, dass Engagement und Kunst den Menschen ein Stück ihrer Zeitsouveränität, ihrer eigenmächtigen Gestaltungsmöglichkeiten zurückgeben würden.
  • Aus diesem Kern ergebe sich zweitens eine besondere Form der kulturpolitischen oder engagementpolitischen Steuerung. Es gehe darum, dass beide Felder keine direktive Steuerung vertragen, ohne gerade ihren Charme, ihre Besonderheit zu verlieren.
  • Aus dem Zusammenspiel zwischen Kultur und Engagement könnten - wie aktuell in der Flüchtlingshilfe zu beobachtet sei - Interkultur undTranskultur, entstehen, ohne die Frage der Beheimatung dadurch auszuklammern. Denn Kultur und Bürgerschaftliches Engagement würden auch immer wieder die Selbstversicherung der eigenen Identität und Herkunft schaffen.

Zu dem Unterschied:

  • Nach Röbke ist der Monetarisierungsdiskurs, wie er beispielweise bei den sozialen Diensten berechtigt geführt werde, auf die Kultur nicht ohne weiteres übertragbar. Denn neben möglichen Konflikten zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen kämen auch solche zwischen prekär bezahlten Honorarkräften und nicht entlohnten Ehrenamtlichen oft hinzu, die ihre eigene Dynamik entfalten können.

In der anschließenden Diskussion führte Röbke noch einmal besonders aus, dass Engagement- und Kulturpolitik Wahlverwandte seien, da sie beide auf eine authentische Resonanz und Selbstwirksamkeit der Individuen setzten. Deswegen seien feldüberschreitende Veranstaltungen wie bei der bagfa und Gespräche über die Kultur- und Engagementsektoren hinaus, immer wieder wichtige Ankerpunkte um vielleicht auch zukünftig im gesellpolitischen Diskurs – zum Beispiel über „Freiräume in den Städten“ – seine Stimme gemeinsam erheben zu können.

Kerstin Hübner, Leiterin des Fachbereichs „Kooperationen und Bildungslandschaften“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V., führte in ihrem Vortrag in die Welt der „Kulturellen Bildung“ ein. Dabei zeigte sie zunächst das Spannungsfeld zwischen Jugend-, Bildungs- und Kulturarbeit auf, in dem Kulturelle Bildung in der Regel entsteht.

Je nachdem wie stark man den jeweiligen Bereich gewichtet, seien damit unterschiedliche Politikfelder, Handlungslogiken, Trägerstrukturen, Berufsfelder und Engagementverständnisse verknüpft. Dementsprechend könnten in den Bereichen der Kulturellen Bildung auch alle künstlerischen Sparten in verschiedenen Institutionen und Orten mit vielfältigen Formaten durch unterschiedliche Akteure bespielt werden. Kurz: Die Aktions- und Gestaltungsspielräume sind im Feld der Kulturellen Bildung breit gefächert.

Dennoch sollten in der Praxis die folgenden Prinzipien gelten:

  • Künste und kulturelle Ausdrucksformen zum Ausgangspunkt und als Bezugsrahmen nehmen
  • Praxis und Angebote an Stärken, Talenten und Interessen orientieren
  • Partizipation und Selbstbestimmung zur Grundlage machen
  • Selbst-Bildung ermöglichen, die verschiedene Potenziale und Aspekte der Persönlichkeit anspricht
  • Diversität anerkennen und Inklusion umsetzen

Außerdem sollte nach Hübner eine gesellschaftspolitische Orientierung angestrebt werden, die über künstlerische, musische und ästhetische Bildung hinausgeht. Es gelte in der Kulturellen Bildung Anschlüsse zu gesellschaftlichen Diskursen wie zum Beispiel zum gesellschaftlichem Zusammenhalt und zur Demokratisierung aufzuzeigen und zu gestalten.

Mit der Zielsetzung, möglichst alle Kinder- und Jugendliche zu erreichen und Engagement zu fördern, stehe die Kulturelle Bildung zukünftig vor der Herausforderung, ihre inklusive Ausrichtung in der Breite ihrer Tätigkeitsfelder zu stärken, Partizipationsmöglichkeiten zu erweitern, passgenaue Mobilisierungsstrategien für diversifizierte Zugänge zu entwickeln sowie Qualifizierungsmöglichkeiten auszubauen und Vernetzung voranzubringen.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich Kerstin Hübner auch kritisch gegenüber dem Hype um Kulturelle Bildung in zahlreichen Programmen des Bundes, in den Ländern und der Stiftungen, da in der Konzeptionsphase zu selten die realen Erfahrungen und Notwendigkeiten der Praxis abgefragt würden. Wirkliche Mitgestaltung etwaiger Programme durch Akteure der Kulturellen Bildung sei damit bisher noch nicht erreicht worden.

Nach dem spannenden theoretischen Einstieg gab es Gelegenheit für die Teilnehmenden in „Kreativzeiten“ ihre eigene Kreativität auszuleben oder sich in neuen künstlerischen Ausdrucksformen kennenzulernen. Kunst- und kulturbegeisterte Mitarbeiter/innen verschiedener Agenturen luden zu Näh-, Sing-, Tanz- und Theaterworkshops ein. Sie stellen das gemeinsame Tun in den Vordergrund und machten Lust auf mehr.

Am Abend des ersten Veranstaltungstags wurde dann der Innovationspreis für Freiwilligenagenturen 2018 im Rahmen des berühmten „bagfa-Kulturabends“ verliehen. Anneke Gittermann, Adalbert Mauerhof und Markus Runge führten durch ein Programm aus Musik und Sketchen und verliehen gemeinsam mit der bagfa-Vorstandsvorsitzenden Birgit Bursee die vier Innovationspreise.

Die EhrenamtsAgentur Weimar (1. Preis), das Freiwilligenzentrum mach mit! aus Neustadt a.d. Aisch (2. Preis), die FreiwilligenAgentur Marzahn-Hellersdorf (3. Preis) und das Zentrum Aktiver Bürger aus Nürnberg (3. Preis) wurden für ihre Ansätze und Projekte zu unterschiedlichen künstlerischen und kulturellen Schwerpunkten ausgezeichnet. Birgit Bursee betonte dabei, dass der Innovationspreis Motivation und Plattform für Freiwilligenagenturen sei, das Engagementfeld Kunst und Kultur neu zu entdecken.

Für die Preise stellte die Stiftung Apfelbaum insgesamt 9.000 Euro zur Verfügung. Die Gewinnerbeiträge wurden in einem zweistufigen Verfahren ermittelt. Eine unabhängige Jury wählte aus allen Wettbewerbsbeiträgen die vier Gewinner aus. Über die Platzierung und damit die Verteilung des Preisgelds entschieden die Teilnehmenden des Thementags in geheimer Wahl.

Der laue Sommerabend und die Kulisse des Schlosses aus dem 17. Jahrhundert boten den idealen Rahmen, die Preisträger/innen gebührend zu feiern.

Ein wichtiger Grundsatz des Innovationspreises ist die Idee der Übertragbarkeit der ausgezeichneten Projekte und so standen am zweiten Veranstaltungstag die Gewinner/innen des Innovationspreises wieder im Mittelpunkt, die in vier Themenräumen ihre Projekte ausführlich vorstellen konnten, um andere Freiwilligenagenturen tiefer in die Organisation ihrer Projekte einzuführen.

bagfa-Geschäftsführer Tobias Kemnitzer stellte im Anschluss eine Umfrage der bagfa zu Freiwilligenagenturen und ihrem Engagement in Kunst und Kultur vor, die ein Stimmungsbild der 39 Agenturen zu diesen Engagementfeldern abgab, die sich an der Umfrage beteiligten. Besonders auffällig dabei: rund 90 Prozent der Teilnehmenden sieht Kunst und Kultur als ausbaufähige Engagementfelder, in denen es mehr Dialog bedürfe. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem bürgerschaftlichen Engagement und Kunst/Kultur: der Kontakt zwischen Menschen, die Teilhabe und die „Idee vom guten Leben“ wurden dabei besonders betont. Auch erhielten viele Freiwilligenagenturen (rund 60 Prozent) schon heute Unterstützung durch Kulturschaffende – sei es in Form von musikalischer Untermalung von Veranstaltungen, künstlerischer Gestaltung von Plakaten oder auch durch Lesungen.

Freiwilligenagenturen verstehen sich aber auch selbst als Unterstützer von Kunst und Kultur vor Ort: durch die Vermittlung von Freiwilligen in den entsprechenden Bereich, durch gemeinsame Kulturprojekte, die Öffnung der Freiwilligenagenturen für Kunstausstellungen oder auch die Beratung von kulturellen Einrichtungen zum Freiwilligenmanagement und der Drittmittelakquise.

Mit den theoretischen und praktisch-künstlerischen Eindrücken der beiden Veranstaltungstage nutzen die Teilnehmenden zum Abschluss in Zweiergruppen das Schlossgelände zu thematischen Spaziergängen mit der Fragestellung: Wohin kann die Reise zur Kultur gehen, was ist unsere Vision, unser Kompass? „Herz und Verstand öffnen und einfach machen“ lautete eine Botschaft in der Abschlussrunde, aber auch der Auftrag an die Freiwilligenagenturen, Kultur als einen Schritt im Bildungsprozess zu verstehen und mehr Angebote von Kultureinrichtungen aufzugreifen bzw. diese zu fördern.

Hier finden Sie den Vortrag "Kunst, Kultur(en) und das bürgerschaftliche Engagement" von Dr. Thomas Röbke

Hier finden Sie die Umfrage der bagfa zu Freiwilligenagenturen und ihrem Engagement in Kunst und Kultur.

Hier finden Sie die Dokumentation des Innovationspreises 2018.

Fotos: Lisa Schönsee, bagfa e.V.

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