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14.03.2019

„Mein Engagement hat mich in diesem Land lebendig gemacht“: Bericht zur Abschlussveranstaltung des bagfa-Modellprojekts „Teilhabe durch Engagement“

Bekannt ist: Geflüchtete haben in den letzten Jahren vielfältige Hilfe durch Freiwillige erfahren. Weniger bekannt ist: Viele der geflüchteten Menschen bringen sich ihrerseits ehrenamtlich ein. Aus Unterstützten sind Unterstützende geworden.

Dass es dazu kam, ist nicht selbstverständlich. Einheimische konnten sich leichter für Geflüchtete engagieren als umgekehrt. Geflüchteten Wege in freiwilliges Engagement zu ebnen, um sie einzubinden und ihnen eine aktive Rolle zu ermöglichen, war deshalb das Ziel des 2016 gestarteten bagfa-Modellprojekts „Teilhabe durch Engagement“.

Wie erfolgreich diese Pionierarbeit war, welche Hürden dabei wie zu überwinden waren und welche Aufgaben bleiben, das zeigte der bereits veröffentlichte Leitfaden „Neue Engagierte“ (siehe unten). Eine Zusammenschau der Erfahrungen bot nun auch die Abschlussveranstaltung am 19. Februar 2019 in Hannover. Dabei berichteten nicht zuletzt die Betreffenden selbst, von den zehn Projektstandorten waren einige mit nach Hannover gekommen, Ghias Tanta etwa. Aus Syrien geflohen, war er in Deutschland zwar in Sicherheit, so erzählt er in der Interviewrunde, jedoch litt er darunter, untätig sein zu müssen. Angesprochen von einer Freiwilligenagentur, wurde er erst Lesepate für Kinder, bevor er zusätzlich Bewohner/innen eines Altenheims besuchte. Es sei so wichtig gewesen, sagt er, „rausgehen zu können und die Zeit zu nutzen“. Deshalb ruft er Menschen in ähnlicher Lage dazu auf:

  • „Bleibt nicht zuhause sitzen!“

Dass das Engagement nicht nur das Wohlbefinden steigert, mehr noch, dass sich dadurch das Dasein würdevoller gestalten lässt, machen auch andere klar.

  • „Das Engagement hat mich in diesem Land lebendig gemacht“, ist eine der pointiertesten Aussagen dazu, sie stammt von einer Engagierten mit Fluchtgeschichte.
  • „Arbeit ist die wichtigste Möglichkeit, uns zu integrieren“, meint eine Geflüchtete in der Interviewrunde.
  • „Ohne die Kontakte durch ehrenamtliche Arbeit hätte ich keinen Job gefunden“, ein anderer.

Hinzu kommen die vielen verbindenden Begegnungen und Kontakte, die durch den Einsatz der Geflüchteten entstanden. Erzählt wird etwa der Fall eines Syrers, der regelmäßig eine alte Dame besucht. Sie spielen Schach, er begleitet sie beim Einkaufen – und inzwischen sammelt sie für ihn alle Artikel, die die Zeitung über Syrien bringt. 

Solche und andere Geschichten des Gelingens zu erfassen gehörte mit zu den Aufgaben des Modellprojekts. Auf der Abschlussveranstaltung werden sie nicht nur von der Bühne weg erzählt, sondern schon vorab dargeboten. Um die Teilnehmenden einzustimmen, liegt auf jedem Stuhl  eine der Geschichten, abgedruckt auf einer DIN A5-Seite.

Ähnlich kreative Wege gingen auch die Projektleitungen an den einzelnen Standorten. Das Engagement von Geflüchteten, so fassen sie ihre Erfahrung zusammen, war kein Selbstläufer. Auf der einen Seite war der Zielgruppe zu vermitteln, was freiwilliges Engagement ist und wozu es dient. Viele Geflüchtete kannten das Konzept nicht bzw. nicht in der Form, wie es hier zivilgesellschaftlich organisiert gelebt wird. Mal erwies es sich deshalb als wichtig, die Neuen Engagierten vorab einzuweihen, mal aber auch als goldrichtig, einfach eine Aktion zu starten, anstatt im Vorfeld zu viel zu erklären und zu regeln.

Zum anderen galt es, Einsatzstellen zu gewinnen und zu überzeugen. Einzelne davon brachten Vorbehalte an: Wir haben keine passenden Angebote für Menschen, die nur eingeschränkt Deutsch sprechen, hieß es zuweilen. Es macht keinen Sinn, Geflüchtete mit viel Aufwand einzubeziehen, wenn man noch nicht weiß, wie lange sie überhaupt bleiben können. Und auch die Angst vor Fremden wurde beschrieben: Bei uns gab es noch nie ausländische Ehrenamtliche.  

Dass Teilhabe von Neuzugewanderten hart erarbeitet werden muss, auch gegen Vorurteile, immer wieder aufs Neue, dafür schärft Gün Tank vom bundesweiten Netzwerk „neue deutsche organisationen“ das Bewusstsein. Ehemals Integrationsbeauftragte in einem Berliner Bezirk, mahnt sie in ihrem Impulsreferat an, sich zu vergewissern, in welchem Entwicklungsstadium sich die Gesellschaft befindet. Zwar hätten sich viele aufgrund ihrer Herkunft benachteiligte Menschen schon erfolgreich gegen Diskriminierung zur Wehr gesetzt. Dennoch lebten wir nach wie vor in einer „abstammungsgeleiteten Klassengesellschaft“. Umso wichtiger seien alle Maßnahmen, die mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen. Erst wenn Menschen unabhängig von ihrer Herkunft einen gleichberechtigten Zugang zu Positionen und Organisationen hätten, sei es durch Quoten oder spezielle Angebote, könne man von Teilhabe sprechen. In jedem Fall müssen die Betreffenden mit am Tisch sitzen.

Die Erfahrungen der Projektleitungen von „Teilhabe durch Engagement“ zeigten: Es lohnt sich, die Widerstände zu überwinden, die Gewohnheiten zu durchbrechen und etwas Neues auszuprobieren. Nicht immer waren es rassistische Haltungen, sondern auch eine organisatorische Verzagtheit, die am erforderlichen Schritt ins Ungewisse hinderte. Berichtet wird von der Einsatzstelle, die sinngemäß resümierte: Super, dass ihr uns angesprochen habt. Allein hätten wir die Einbindung so nicht entwickeln können. Auch ein Altenheim, das sich erst skeptisch gab, stellte fest: Nachdem sich Geflüchtete und Bewohner/innen kennengelernt hatten, fielen die begrenzten sprachlichen Möglichkeiten nicht mehr ins Gewicht. Wann kommt ihr wieder, so werden heute die Geflüchteten gefragt.

Zum Erfolg trug bei, neue Formate einzusetzen. Wie in den Berichten der Projektleitungen und in den Workshops der Abschlussveranstaltung deutlich wird, könnten letzten Endes auch andere Zielgruppen davon profitieren. Zum Reigen der Maßnahmen gehörten, um das Spektrum anzudeuten:

  • Plätzchenabende, Verköstigungen auf Streuobstwiesen, Märchenlesungen, gemeinsam erstellte Rezeptbüchern, Fahrradwerkstätten, Fotowettbewerbe, Engagement-Roadshows und diversen Aktionstage.

Allerdings gab es auch Ansätze, die nicht wie erhofft funktionierten, das Format der Engagementtandems etwa. Dass ein/e schon Engagierte/r eine/n interessierte/n Geflüchtete/n mitnimmt, diese/r quasi mitläuft, um eingebunden zu werden, diese Idee ging nicht auf. Möglicherweise, so erwägt die bagfa-Projektleiterin Annette Wallentin, weil die Geflüchteten dabei nicht als Aktive in Erscheinung treten. Auch Gün Tank gibt zu bedenken, die Geflüchteten blieben so die vermeintlich Unwissenden – obwohl sie vielleicht viel mehr beitragen können als man selbst.

Außerdem gibt es Barrieren, die auch mit den besten Konzepten kaum zu überwinden sind. Drei beteiligte Freiwilligenagenturen sind im ländlichen Raum angesiedelt. Geflüchtete über weite Strecken an Engagementorte zu bringen – oft ein Ding der Unmöglichkeit. Ohne Mobilität ist Engagement kaum möglich. Andererseits ergaben sich dadurch neue Wege des Miteinanders. Akteure, die sonst eher für sich blieben, mussten sich abstimmen – und begannen sich mehr auszutauschen.

Eine große Würdigung für all die Ideen und Aktivitäten der Freiwilligenagenturen im Rahmen des Modellprojekts spricht der Vertreter des Förderers aus. Hendrik Beese vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sagt in seinem Grußwort unter anderem:

  • "Von Fremdheitsnarrativen (.) unbeirrt, machen Sie aus dem Neuzugewanderten, dem Geflüchteten einen Menschen unter Anderen, in den Zeiten des hohen Flüchtlingszuzugs starten Sie eine Engagementoffensive."  Aus Geflüchteten, "denen viele Bedarfszuschreibungen, Problemanalysen und Integrationsverständnissen anhaften", würden im Engagement handelnde und gestaltende Menschen unter vielen. Wenn alle gemeinsam so zusammenwirkten, wie das die geschilderten Aktivitäten ermöglichten, bleibe gar keine Gelegenheit, lange nach Integration zu fragen - sie werde gelebt.

In der Diskussion mit Tagungsteilnehmenden schält sich noch eine bleibende Aufgabe heraus, die ein Spannungsfeld markiert, mit dem alle Akteure umgehen müssen. Einerseits ist klar, es war sinnvoll, für die Gruppe der Geflüchteten ein eigenes Angebot zu kreieren. Denn ihre besonders belastende Lebenslage macht es für viele dringlich, sich zum Beispiel zunächst untereinander zu stärken und aus Schutz der eigenen Community heraus neue Schritte zu wagen. Andererseits ist danach zu fragen, wie und wann man inklusiv ins Engagement bringen und auch andere Gruppen einbeziehen kann, unabhängig von der Form ihrer Benachteiligung.

 

Einige Ergebnisse aus den Workshops

Workshop „Ansprache von geflüchteten Menschen und Vorbereitung auf ein freiwilliges Engagement“

  • Die Ansprache von geflüchteten Menschen kann an diversen Orten erfolgen, die Zusammenarbeit mit Brückenpersonen (wie z.B. Lehrer/innen in Deutschkursen) empfiehlt sich.
  • Eine Übersetzung der Flyer auf z.B. Arabisch oder Persisch kann für das Erstverständnis und das auf sich aufmerksam machen hilfreich sein.
  • Es ist hilfreich, durch gezielte Fragen (z.B. zur Biografie oder die Zukunftsvorstellungen betreffend) herauszufinden, welche Wünsche, Motivationen und Interessen vorhanden sind. Dabei muss genau erklärt werden, was ein freiwilliges Engagement ist und welche Rahmenbedingungen existieren, damit die Erwartungshaltung der Engagierten nicht enttäuscht, und sie entsprechend nicht zu schnell entmutigt werden.
  • Hilfsmittel wie Fotobeispiele können beim Erklären hilfreich sein.

Weitere Hinweise können Sie nachlesen im Praxisleitfaden „Neue Engagierte“ in den beiden Kapiteln 1b. „Zugangswege zu geflüchteten Menschen“ (Seiten 9-11) und 1c. „Freiwilliges Engagement: Wie lässt sich die Idee vermitteln?“(Seiten 11-16). Den Praxisleitfaden finden Sie hier.

Workshop „Auf Distanz?! – Engagement von Geflüchteten im ländlichen Raum

  • Integration ist sehr viel kleinteiliger und kulturell bedingter als bisher angenommen. Ein freiwilliges Engagement ist dafür ein kleiner Mosaikstein, der zu einer integrativen Wirkung beitragen kann.
  • Der ländliche Raum ist für Freiwilligenagenturen eine große Herausforderung, sowohl in der Vermittlungstätigkeit als auch in der Betreuung der Einsatzstellen (Stichworte weite Wege und eingeschränkter ÖPNV).
  • Als Freiwilligenagentur mit beschränkten personellen Mitteln gilt es, im Landkreis an ausgewählten Orten Kooperationspartner zu finden, mit denen punktuelle Aktivitäten möglich sind. ES ist eine Überforderung, den gesamten Landkreis mit allen Ortschaften „bespielen“ zu wollen.
  • Es geht darum, die Idee von freiwillig aktiven Geflüchteten immer wieder in Netzwerke und Fachrunden einzubringen.

Weiteres können Sie nachlesen in einem Artikel zum Thema im Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland des BBE geschrieben hat (Ausgabe 5/2018). Diesen Text finden Sie hier. (Link)

 Workshop „Schwerer als gedacht? Zusammenarbeit mit Einsatzstellen“

  • Feste Ansprechpartner sowohl in der Freiwilligenagentur, wie auch in der Einsatzstelle sind wichtig für eine gute Zusammenarbeit mit der Einsatzstelle.
  • Erstmal „kleine Bretter“ bohren. Die Einsatzstellen anfragen, bei denen die Zusammenarbeit schon gut funktioniert oder bei denen man die entsprechenden Personen (gut) kennt.
  • Sich bewusst machen, dass es für die Koordinator/innen in den Einsatzstellen einen Mehraufwand bedeuten kann, Menschen mit Fluchtgeschichte bei ihrem Engagement zu begleiten.

Weitere Hinweise können Sie nachlesen im Praxisleitfaden „Neue Engagierte“ in den beiden Kapiteln 2a. „Einrichtungen für die Idee gewinnen“ (Seiten 24-26) und 2b. „Eignung von Einsatzstellen“(Seiten 26-28). Den Praxisleitfaden finden Sie hier.

 

„Teilhabe durch Engagement“: Das Modellprojekt in Zahlen

Ca. 5.000 geflüchtete Menschen wurden über freiwilliges Engagement informiert und eingeladen.

Ca. 2.000 geflüchtete Menschen engagieren sich in kurzfristigen Formaten – und das häufig mehrfach.

Mindestens 500 geflüchtete Menschen haben ein längerfristiges Engagement übernommen.

Mindestens 400 Einrichtungen kooperieren.

 

Die bagfa-Projekthomepage zu den "Neuen Engagierten"

Auf unserem Webauftritt zum Modellprojekt finden Sie eine detaillierte Vorstellung des Projektes, unter anderem auch die Umsetzungskonzepte der einzelnen Projektstandorte. Sie finden dort auch weitere Erfahrungen, Praxismaterialien wie Checklisten etc., aber auch einige Literaturempfehlungen zu Studien, die sich mit dem freiwilligen Engagement von geflüchteten Menschen beschäftigen.

 

Der bagfa-Leitfaden zu den „Neuen Engagierten“

In einer Broschüre hat die bagfa-Projektleiterin Annette Wallentin alle Erkenntnisse des Projektes aufbereitet und zusammengefasst. Wer geflüchtete Menschen als Freiwillige einbinden will oder aber zivilgesellschaftliche Organisationen als Einsatzstelle für diese Gruppe  gewinnen will, findet zahlreiche praxiserprobte Tipps und Hinweise. Das PDF lässt sich hier downloaden.

Unten die Projektleitungen von allen zehn Standorten sowie bagfa-Projektleiterin Annette Wallentin ganz links. Alle Fotos von Lisa Schönsee.

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