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21.11.2019

Aus den Herzkammern des zivilgesellschaftlichen Lebens: Thementag der bagfa und der lagfa bayern über Vereine

Das Engagement in Vereinen zu begleiten und stärken, das gehört auch zum Aufgabenfeld vieler lokaler Freiwilligenagenturen und Koordinierungsstellen für Bürgerschaftliches Engagement. Dabei sind bereits unterschiedliche Kooperations- und Beratungsformate erfolgreich etabliert worden, wie z.B. Fachtage, Ehrenamtskongresse, Fortbildungsveranstaltung bis hin zu eigenen Projekten bei der Nachwuchs- und Vorstandsgewinnung.

Doch was davon hat sich inzwischen bewährt? Braucht es ergänzend neue Angebote? Und gibt es vielleicht auch noch ganz neue Potenziale in der Zusammenarbeit mit Vereinen? Diese Fragen standen im Zentrum des Thementages „Mehr als Kassenprüfung: Wie können Freiwilligenagenturen Vereine gut beraten“, den die bagfa in Kooperation mit der lagfa bayern am 23. Oktober 2019 im Landratsamt Würzburg durchgeführt hat. (Hier zunächst ein Bericht, bevor sich weiter unten die Präsentationen aller Referierenden finden.)

Zunächst wurden die rund 60 Teilnehmenden dreifach begrüßt, durch Ernst Joßberger, dem stellvertretenden Landrat des Landkreises Würzburg, Karlheinz Sölch, 1. Vorstand der lagfa bayern und Tobias Kemnitzer von der bagfa. Anschließend zeigte Dr. Thomas Röbke (Landesnetzwerk bürgerschaftliches Engagement in Bayern/ Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement), gestützt auf den Erfahrungen aus dem abgeschlossenen Modellprojekt „Engagement braucht Leadership“, auf, wie „Vereine als Herzkammern des zivilgesellschaftlichen Lebens“ funktionieren und vor welchen aktuellen Herausforderungen sie stehen, vor allem hinsichtlich der Vorstandsarbeit. Denn hier liegt in seinen Augen oft der neuralgische Punkt für die Vereinsarbeit. Schließlich werden Vorstände inzwischen von einer Vielfalt von Aufgaben (bürokratische Anforderungen etc.) und gleichzeitig mit einer hohen Erwartungshaltung (Dienstleistungsinteressen) konfrontiert; und das bei einer gleichzeitig sinkenden gesellschaftlichen Anerkennung der Funktion.

Um diese Abwärtsspirale aufzubrechen, wäre es wichtig, so Thomas Röbke, Vereine insgesamt zu modernisieren und zu demokratisieren, hinsichtlich möglicher Beteiligungsstrukturen. Außerdem gelte es dafür das Image der Vorstandsarbeit zu verbessern, Qualifizierungen anzubieten und auch alltagspraktische Organisationsentwicklung zu betreiben, wodurch sich bspw. die Aufgabenverteilung innerhalb des Vereins flexibilisieren lasse.

Freiwilligenagenturen könnten hier beratend zur Seite stehen und auch hinsichtlich der Qualifizierung Unterstützungsangebote leisten, wie Thomas Röbke weiter ausführte. Sogenannte Serviceleistungen wie z.B. Workshops, kollegiale Beratungen, Rechtsberatungen könnten von keiner zentralen Stelle ersetzt werden, sondern sollten vor allem im Nahraum stattfinden. Hier bräuchte es, so Röbke, einen verlässlichen Ansprechpartner vor Ort. Auch die Funktion einer zentralen Netzwerkstelle für die lokalen und regionalen Vereine wäre bei einer Freiwilligenagentur ideal angesiedelt. Hierzu bräuchte es aber mehr Fachwissen über die Situation in Vereinen in den Freiwilligenagenturen.

Um den Ist-Zustand der Freiwilligenagenturen im Feld „Beratung von Vereinen“ analysieren zu können, führte die bagfa im September/Oktober 2019 eine bundesweite Online-Umfrage durch, an der sich von 500 rund 130 Freiwilligenagenturen beteiligten. Die zentralen Ergebnisse und Aussagen daraus, vorgestellt von Tobias Kemnitzer, dem Geschäftsführer der bagfa, bestätigen viele der zuvor dargestellten und diskutierten Problemstellungen vor allem hinsichtlich der Vorstandsarbeit. So wurde auch als wichtigste Herausforderung die Nachwuchsgewinnung genannt. Bemerkenswert erscheint auch, dass rund 50 Prozent der Befragten, angab, die Beratung von Vereinen werde als eine Aufgabe von Freiwilligenagenturen wichtiger werden.

Um dem gerecht zu werden, bräuchte es natürlich auch entsprechende fachliche und materielle Ressourcen. Auffallend war auch, dass es kaum andere Einrichtungen vor Ort gibt, die als Ansprechpartner für die Beratung der Vereine fungieren. Wie sich die Arbeit von Freiwilligenagenturen konkret im Feld „Zusammenarbeit mit Vereinen“ in Projekten ausgestaltet, wurde anhand von vier Beispielen im Plenum präsentiert:

Die Servicestelle für Vereine (Freiwilligen-Agentur Leipzig)

Die Servicestelle für Vereine ist Anlauf- und Beratungsstelle für kleine und mittlere Vereine und Initiativen aller Sparten/Bereiche in Leipzig. Sie werden vielfältig unterstützt mit gezielter Information zu Ideenentwicklung und Bewältigung täglicher Herausforderungen in Form von verschiedenen Beratungs-, Qualifizierungs- und Vernetzungsangeboten. Wie Projektleiterin Judith Heese darstellte, werden die Praxisworkshops zur Organisationsentwicklung, Formate der kollegialen Beratung und die Sprechstunde zu Datenschutz besonders gut angenommen. 

Qualifizierung von Vereinsbegleitern und Vereinsbegleiterinnen zum Aufbau von Vorstandswerkstätten in NRW (der PARITÄTISCHE Nordrhein-Westfalen)

Die Aufgaben, die Vereinsbegleiter/innen übernehmen, stellte Eva-Maria Antz von der Stiftung Mitarbeit vor. Diese Akteure organisieren u.a. Austauschforen zur Ansprache neuer Vereinsvorstände und zur Herstellung einer lokalen Öffentlichkeit. Zudem initiieren oder unterstützen sie den Aufbau von lokalen Vereinswerkstätten. Damit sind sie auch Anlaufstelle für Vereinsvorstände, die auch bei weiteren Fragestellungen mithilfe unterschiedlichen Materialien beraten.

FEEL FR.E.E. (Servicestelle Ehrenamt Landkreis Würzburg) 

Unter dem Motto „Freiwillig, ehrenamtlich, engagiert“ (FR.E.E.) hat die Servicestelle Ehrenamt im Landkreis Würzburg im Schuljahr 2015/2016 ein Pilotprojekt für Schülerinnen und Schüler gestartet. Ziel ist es, junge Menschen ab dreizehn Jahren für bürgerschaftliches Engagement zu begeistern und zivilgesellschaftliche Organisationen bei der Nachwuchsgewinnung und -förderung zu unterstützen. Bei ihrem ehrenamtlichen Schuljahr engagieren sich die Jugendlichen jede Woche ein bis zwei Stunden in einem Verein oder einer gemeinnützigen Organisation, wie die Projektleiterin Kerstin Gressel erläuterte.

Vereinsschule (Freiwilligenagentur / KoBe im Landkreis Regensburg)

Seit vier Jahren existiert die Vereinsschule im Landkreis Regensburg. Sie basiert auf dem Dreiklang: Fortbildung, Austauschmöglichkeit, Wertschätzung, so die Leiterin der Freiwilligenagentur Dr. Gaby von Rhein. Herausforderungen in ihren Augen sind vor allem die Heterogenität der Vereine und ihre unterschiedlichen Interessen. Fraglich auch, wie ein solches Angebot nachhaltig abgesichert werden kann. Denn je erfolgreicher die Formate angenommen werden, desto mehr Ressourcen werden benötigt. Abhängig von den Ressourcen würde die Freiwilligenagentur gerne zukünftig auch ein individuelles Vereinscoaching anbieten.

Anhand einer Vereinsumfrage in der Stadt München, vorgestellt durch Joachim Nöthen, lassen sich gut die Herausforderungen der Vereine ablesen. Zum größten Teil deckungsgleich mit der bagfa-Umfrage lauten die schwierigen Punkte: Nachwuchsgewinnung, Gewinnung von Ehrenamtlichen, Finanzierung, Mitgliedergewinnung. Deutlich wurde auch, dass Vereine, die Teil eines lokalen Netzwerkes sind, in verschiedenen Facetten ihrer Organisation erfolgreicher sind, etwa was die Informationsaufnahme und Angebotsnutzung, die Zahl der Ehrenamtlichen und die Partizipation der Mitglieder anbelangt. Auffallend ist auch, wie wenige Vereine sich bisher aktiv um Unterstützungsmöglichkeiten gekümmert haben. Inwieweit Vereine die bestehende Vielfalt abbilden und aufgreifen, zu markieren u.a. mit den Begriffen „weiblicher“ und „bunter“, ist für Nöthen eine zentrale Zukunftsfrage der Vereine.

Vereine als Profilierungs-, Dranbleib- und Herzensthema  

In der Abschlussdiskussion wurde vor allem deutlich, dass Freiwilligenagenturen und Koordinierungszentren, so sie mit entsprechenden Ressourcen ausgerüstet sind, gut auf die die aktuelle Bedarfslage der Vereine reagieren und sie auch bei zukünftigen Herausforderungen begleiten können. Da es vor Ort kaum oder gar keine anderen Anlaufstellen für Vereine gibt, kann die Beratung von Vereinen für Freiwilligenagenturen und Koordinierungszentren ein besonderes „Profilierungs-Thema“ sein.

Das allerdings, so fasste bagfa-Geschäftsführer Tobias Kemnitzer zusammen, erfordere auch kontinuierliche Beschäftigung und Weiterentwicklung, es handele sich unbedingt um ein „Dranbleib-Thema“. Auch die lagfa Bayern, so versicherte deren Geschäftsführerin Beatrix Hertle, werde sich weiter intensiv mit Vereinen beschäftigen.

Schließlich seien sie auch ein „Herzens-Thema“, denn ohne starke Vereine, als die besagten zivilgesellschaftliche Herzkammern, wäre unsere lebendige und vielfältige Bürgergesellschaft nicht vorstellbar – und unsere Demokratie ebenso wenig.

Die Präsentationen und Handouts 

Vereine – Herzkammern des zivilgesellschaftlichen Lebens: Präsentation von Dr. Thomas Röbke, Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern hier

Vereine – und Freiwilligenagenturen als ihre Berater-und Unterstützerinnen. Einsichten aus einer Umfrage: Präsentation von Tobias Kemnitzer, bagfa e.V. hier

Servicestelle für Vereine: Präsentation von Judith Heese, Freiwilligen-Agentur Leipzig e.V. hier, Handout hier

Qualifizierung von Vereinsbegleiter*innen: Stiftung Mitarbeit, Paritätischer NRW, Handout hier

FEEL FR.E.E. – ein Programm zur Unterstützung der Vereine bei der Nachwuchsgewinnung und Nachwuchsförderung: Präsentation von Kerstin Gressel, Landratsamt Würzburg hier (folgt noch), Handout hier

Die Vereinsschule des Landkreises Regensburg: Präsentation von Gaby von Rhein, Freiwilligenagentur/KoBE im Landkreis Regensburg hier, Handout hier

Vereinslandschaft und Bürgerschaftliches Engagement in der Landeshauptstadt München: Präsentation von Joachim Nöthen hier