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Die Preisträger/innen

Drei Freiwilligenagenturen wurden jeweils mit dem mit 2.500 Euro dotierten Innovationspreis 2017 ausgezeichnet und erhielten ihre Auszeichnung aus den Händen der Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach.

Die Gewinnerbeiträge wurden in einem zweistufigen Verfahren ermittelt. Eine unabhängige Jury nominierte aus allen Wettbewerbsbeiträgen sechs Freiwilligenagenturen. Über die endgültigen drei Hauptpreisträger entschieden die rund 190 Teilnehmenden der Jahrestagung der Freiwilligenagenturen in Berlin-Köpenick.

Die drei Gewinner:

Freiwilligenzentrum Kassel: Graffitikurs für Senior/innen

Projektbeschreibung: Ein dreitägiger Workshop hat Senior/innen Graffiti als Kunst- und als Ausdruckform nahe gebracht und sie befähigt, selbst Graffitis zu entwickeln und praktisch umzusetzen. Der Workshop endete mit einer offenen Vernissage zur Präsentation „ihrer“ Graffitiwall, in der Unterführung am Holländischen Platz (Hopla), Kassel, zu der Alt und Jung eingeladen waren.

Besonderheit/Alleinstellungsmerkmal: Damit wirklich alle dabei sein konnten und nicht in ihrer Teilnahme durch äußere Bedingungen behindert wurden, hat das Freiwilligenzentrum besonderen Wert auf eine barrierearme Umgebung gelegt und beispielsweise bei Bedarf Steh-/ Sitzhilfen angeboten. Auch auf ausreichend Pausen fürdie älteren Teilnehmenden zwischen den Arbeitsschritten wurde geachtet. Fachlich begleitet wurde das Projekt vom „Raum für urbane Experimente e. V.“ (RuE). Veranstaltungsorte waren das Freiwilligenzentrum Kassel und die Unterführung Holländischer Platz (Nähe Uni), die der Verein RuE betreut.

Ergebnis/Wirkung: Das Projekt gab Senior/innen Gelegenheit, einmal die Seiten zu wechseln und die Stadt aus der Perspektive von Jugendlichen und Graffitkünstler/innen wahrzunehmen. Dabei konnten die Teilnehmer/innen Graffiti als Kunstform kennenlernen und lernten, Graffitiaktionen selbst zu initiieren und anzuleiten, zum Beispiel im Rahmen eines Freiwilligentags. Der Graffitiworkshop war innerhalb eines Wochenendes zweifach überbucht. Im Anschluss gab es erhebliche Nachfrage nach Folgeworkshops. Der Verein    „Raum für urbane Experimente“(RuE) führt in Eigenregie weitere Workshops mit Senior/innen durch.

Übertragbarkeit und Kosten: Das Projekt ist laut Bewerbung grundsätzlich überall dort umsetzbar, wo es Sprayer gibt und Flächen, die legal gestaltet werden dürfen. Der Einsatz eines Anleiters vom Verein „Raum für urbane Experimente“ wurde über das hessische Qualifizierungsprogramm finanziert.

Das gefiel der Jury: 

  • Ältere lernen von Jüngeren
  • Ein ungewöhnliches Feld für das bürgerschaftliche Engagement: Graffiti gerade bei Älteren eher negativ besetzt („Schmiererei“) wurde hier als Kunstform erlernt

 

Stabsstelle Ehrenamt und Freiwilligenagentur, Landkreis Leer: Oldersumer Puppenspölers

Projektbeschreibung: Sechs Frauen und ein Mann zwischen 43-75 Jahren spielen seit 2007 als die Oldersumer Puppenspölers klassisches Handpuppentheater, um Spenden für Hilfsprojekte zu generieren. In wöchentlichen Treffen werden neue Stücke selbst geschrieben, Puppen und Kulissen gebaut. Gespielt wird alles, was den Puppenspölers und dem Publikum Freude macht: Märchen, Stücke mit aktuellem Bezug, lokal Historisches, Puppen-Musicals und auch klassisches Kasperletheater. Da einige der Charakterpuppen Ostfriesen sind, wird nebenbei auch die plattdeutsche Sprache gefördert. Der Erlös aus den Aufführungen wird an regionale und internationale Hilfsprojekte gespendet. Die Puppenspiele bringen Freude, schaffen erste, interaktive Theatererfahrungen für Kinder und möchten lebenslange Begeisterung für eine Theaterkultur wecken. Auch die alte ostfriesische Tradition des Handpuppenspiels soll aufrechterhalten werden. Die Stücke fördern in ihren Aussagen Teamgeist, Toleranz und Integration. Verschiedene Altersgruppen werden aktiv integriert und die Zusammenarbeit verschiedener Dörfer im ländlichen Bereich gefördert. 

Besonderheit/Alleinstellungsmerkmal: Die Oldersumer Puppenspölers „leben” gemeinsames Engagement aller Altersgruppen, ganz nach der Devise: Aktives Sich-Einbringen ist in vielen Bereichen möglich, wenn man sich dafür öffnet (Kinder singen, tanzen, musizieren, werden Teil des Puppenspiels; andere Senioren nähen Kostüme, bauen Kulissen usw.). Sie zeigen auf, dass regionale Zusammenarbeit, z.B. verschiedener Dörfer, möglich und gerade im ländlichen Bereich wichtig ist. 

Ergebnis/Wirkung: Aus dem Erlös von mehr als 100 Aufführungen in zehn Jahren wurden 28 Hilfsprojekte, teils mehrfach, mit Spenden von insgesamt 19.440,55 Euro unterstützt. Mit Stücken, die viele Altersgruppen ansprechen, haben die Puppenspölers eine alte Tradition des Theaters in Ostfriesland zu neuem Leben erweckt und ziehen auch überregional Publikum an. Die Stücke hatten bisher 5.700 Zuschauer und mehr als 10.000 Besucher waren auf der Webseite. Die Puppenspölers sind gemeinsam mit Gruppen am Ort und in den Nachbarorten kreativ und verbinden verschiedene Musik– und Theaterformen. Junge und alte Mitbürger beteiligen sich aktiv an den Aufführungen.

Das gefiel der Jury:

  • Engagement im kulturellen Bereich eher selten
  • Das Projekt funktioniert generationsübergreifend und bindet Talente verschiedener Altersgrup-pen ein
  • Das Projekt bildet gelingende Zusammenarbeit verschiedener Dörfer auf dem Land ab
  • Die Idee, sich zu engagieren und dabei Geld für andere Organisationen zu sammeln, gefällt
  • Traditionen der Region werden aufgegriffen und mit Leben gefüllt

 

Freiwilligen-Agentur Tatendrang, München: Projekt „Whats to do?“

Projektbeschreibung: In Beratungsgesprächen wird deutlich, dass auch ältere Menschen flexibler in ihrer ehrenamtlichen Zeiteinteilung sein möchten. Den Wunsch nach flexiblem und kurzfristigem Engagement teilen viele andere Freiwillige. Aus diesem Befund heraus wurde im November 2016 das Projekt „Whats to do?“ ins Leben gerufen. 

„Whats to do?“ richtet sich via WhatsApp an Freiwillige, die sich kurzfristig, spontan und zeitlich begrenzt engagieren möchten. Pro Woche werden ein bis zwei Engagement-Angebote an derzeit 550 Freiwillige verschickt. Die Angebote erhält die Freiwilligenagentur von Einrichtungen, mit denen sie schon länger kooperiert. Mit derzeit 22 Organisationen hat Tatendrang einen „Whats to do?“- Kooperationsvertrag geschlossen. So ist garantiert, dass auch bei diesem Projekt die wichtigen Standards beim Freiwilligen-Management (Anerkennungskultur, Versicherung, fester Ansprechpartner etc.) gewährleistet sind. Beispiele für bisher vermittelte Spontan-Aktionen sind: Einsatz bei der Biotoppflege, Hilfe beim Sommerfest im Heim für blinde Frauen, Schminkaktion in Flüchtlingsunterkunft, Zirkusbesuch mit Bewohner/innen einer Lebenshilfe-Wohngruppe, Briefe eintüten für Ärzte der Welt u.a. Um die Daten der Freiwilligen zu schützen, nutzt die Freiwilligenagentur das Broadcastlisten-System. Dies bedeutet, dass nur Mitarbeitende von Tatendrang Nachrichten an die Gruppe schicken und die Antworten sehen.

Besonderheit/Alleinstellungsmerkmal: Neu, ungewöhnlich und bisher einmalig ist der Kanal, der das Angebot von Tatendrang über das persönliche Beratungsgespräch, Newsletter und die Homepage hinaus ergänzt und sowohl von den gemeinnützigen Einrichtungen als auch von den Freiwilligen sehr gut angenommen wird. Innerhalb von Sekunden erreicht die Agentur eine große Zahl von Freiwilligen, die unterschiedlichste Interessen und Fähigkeiten mitbringen. Engagementanfragen können spontan, kurzfristig und flexibel vermittelt werden. Konkrete Fragen können sofort beantwortet werden. Organisationen können so auch kurzfristige Bedarfe decken. Alle Freiwilligen, die den WhatsApp-Service in Anspruch nehmen, waren zu einem persönlichen Kennenlernen bei Tatendrang. Das gibt den Organisationen die Sicherheit, dass ausschließlich geeignete Freiwillige vermittelt werden. Ältere Menschen schließen digital auf – und nutzen ihr Smartphone, um Engagementangebote zu erhalten.

Ergebnis/Wirkung: Es nehmen stetig mehr ältere Menschen an „Whats to do?“ teil. Aktuell sind ca. 15 Prozent der Nutzer/innen älter als 60 Jahre. Proportional gesehen sind sie diejenigen, die sich am regelmäßigsten bei „Whats to do?“ engagieren. Da der Anteil der über 60-Jährigen bei WhatsApp stetig steigt, sieht die Freiwilligenagentur bei „Whats to do?“ noch großes Wachstumspotential. Aktuell beteiligen sich 22 gemeinnützige Einrichtungen mit ihren Engagementangeboten an dem Projekt. Seit Anfang 2017 wurden 38 Anfragen verschickt und 82 freiwillige Helfer/innen vermittelt.

Übertragbarkeit und Kosten: Das Konzept ist auf andere Regionen oder Freiwilligenagenturen übertragbar. Es wurde ohne zusätzliche finanzielle Mittel angestoßen. 

Das gefiel der Jury: 

  • Integration von social media in den Vermittlungsprozess ist zukunftsweisend 
  • Auch ältere Freiwillige werden mit einem neuen Medium erfolgreich konfrontiert
  • Die Standards der Agentur werden von der offline- in die online-Welt übertragen (Freiwilligenmanagement bei den Einsatzstellen, Beratungsgespräch mit den Freiwilligen)

Die Nominierten:

Drei weiteren Freiwilligenagenturen, die es durch Jurywahl in die Endrunde geschafft hatten, wurden mit jeweils 500 Euro ausgezeichnet: 

  • Freiwilligenagentur Magdeburg e.V.: „Dialog der Generationen“: Die Freiwilligenagentur fördert das Engagement älterer Menschen durch die selbstorganisierte Arbeitsgruppe „Dialog der Generationen“, in der durchschnittlich ca. 50 Senior/innen aktiv sind. Die Arbeitsgruppe befindet sich in Trägerschaft der Freiwilligenagentur, hat aber eine eigene Organisationsstruktur, um das vielfältige Engagement in den unterschiedlichen Vorhaben selbstbestimmt zu gestalten. Die Senior/innen sind in mehreren Projekten bzw. langfristigen Angeboten tätig, die sie selbst organisieren, weiterentwickeln und ausbauen.
  • Freiwilligenagentur Jena: „Eine Wiese für alle – Trüperwiese“: Die sogenannte „Trüperwiese“ stellt seit mehreren Jahrzehnten eine beliebte, öffentlich zugängliche Erholungsfläche dar. Um die ca.1,3 ha große Wiese mit ihren teilweise über 100 Jahre alten Apfelbäumen vor einer drohenden Verbuschung zu bewahren und sie langfristig als Streuobstwiese zu erhalten, stiftete die Erbengemeinschaft Trüper die Fläche 2014 der Bürgerstiftung Jena. Viele Anwohner/innen und Freiwillige der Freiwilligenagentur Jena übernehmen seitdem ehrenamtlich Teile der Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen. Der größere Teil dieser freiwillig Engagierten sind ältere Menschen.
  • Freiwilligen-Zentrum Augsburg, Projekt „Sporadis“: Das Projekt reagiert auf veränderte Bedürfnisse der „neuen Alten“. Viele ältere Menschen haben in ihrer Rentenphase vielseitige Interessen und Aufgaben, wie z.B. Reisen, Hobbies, die Betreuung der Enkel oder die Pflege der eigenen Eltern. Auf Initiative einiger Freiwilliger ist die Gruppe Sporadis entstanden. Sie umfasst mittlerweile rund 250 Menschen, die sich eben „sporadisch" und vielseitig engagieren möchten und über neue Angebote regelmäßig per E-Mail informiert werden.

 Hier finden Sie die Dokumentation in PDF-Form.

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